Der Künstler

 

Über Ziad El Kilani

Die Bilder von Ziad EI Kilani sind wie ein Traum, oder wie einzelne Stationen aus einem solchen. Figuren tauchen auf, stehen für einen Moment fest fokussiert und schon an den Rändern verlaufend im Mittelpunkt von Bildern, die wir sehen oder die uns anschauen, die uns umgeben. Ein Blick auf die "Frau unter Oleander" zeigt eine Figur, die weit ins Land ausschaut, die ihre Hand gegen die strahlende Sonne hochhebt, eine, die an uns vorbeisieht. Die "Figuren im Tanz", zusammengefügt zu einer Bewegung und doch janusköpfig voneinander getrennt, abstrahieren von bekannten Formen der Bewegung, phantasieren sich zusammen zur Formation einer Arabeske, eines Ornaments.

Die Gestalten El Kilanis tauchen aus guten wie schlechten Träumen auf. Der "Soldat" ist einer, der da steht, traurig und fern, gewalttätig und von uns getrennt, wie alle jene, die die Gewalt gegen andere Menschen ausüben. Dagegen stehen die Figuren von unendlicher Zärtlichkeit und Nähe, wie die zwei Frauen, die lediglich dastehen und sich im Arm halten, oder der Bauer, der in der Landschaft sitzt und einfach schaut. Die Landschaften verschwinden, sind unendliche Tiefen und Gründe, ermalt und einsichtig im Sinne archäologischen Hineinsehens. Der "Mann mit der Frau" plustert sich auf und steht da wie ein Hahn, der in die Gegend springen wird, seine Formulierung ist von gleicher Intensität wie der Beschwörungsversuch der "Menschen in einem Boot".

El Kilani malt in heiterer Farbigkeit. Figuren, Raum und Landschaft harmonieren in Duktus des Malens und atmosphärischer Dichte. Die Radierungen dagegen zeigen handschriftliche Besonderheiten, ein rasches Arbeiten, festgehaltene Zeitverläufe des Experiments im Medium der Grafik.

EI Kilani erzählt einfache Geschichten, er tut das mit Mitteln, die der arabischen Kultur, der er entstammt, zunächst lange fremd gewesen sind. Trotz der Bilderferne des Islams erschafft er Bilder; aber das sind Träume und Anflüge von Erinnerung, Beschwörungen einer verlorenen Kindheit und Vergangenheit, Rückrufung einer Kultur, der er sich entzogen hat, um heute doch diese Bilder malen zu können. Seine Gestalten sind jenen Märchen entstiegen, die unsere Erinnerung an die Kinderzeit uns in die Köpfe setzt. Sie dräuen nicht, sondern sie spielen ihre Rolle.

Jeder und jede steht für etwas, für eine Situation, für eine Wahrheit, für eine Bedrohung, für eine Erinnerung. Und alle diese Gemälde und Radierungen erzählen von den fernen Ländern, in denen es keine Ruhe gibt, keine Demokratie, kein "gutes Leben". Alle kreisen sie um das Verlorene, um die ferne Heimat, um die Eltern, um das Land. EI Kilanis melancholische Erzählungen zielen auf eine Grunderfahrung des zwanzigsten Jahrhunderts, die des Verlustes, des anderen Ortes, auf die Fremde, die bei uns stattfindet. Das ist jener Prozess der Umkehrung aller Erfahrungen, den wir in dieser Zeit in unserem Land erfahren: die Nähe in der Fremde. Darauf weisen die Bilderfindungen Ziad EI Kilanis hin. Gerade deshalb sollten sie unserer Aufmerksamkeit sicher sein.

Ulrich Krempel
Direktor Sprengel Museum Hannover